Warum Du sie nicht retten kannst

… und schon gar nicht alle. Das „sie“ ersetze einfach mit dem hilfsbedürftigen Rettungsobjekt Deiner Wahl im sozialkompatibel schöngeredeten Helfer- bis Heldensyndrom, während ich Dir die folgende, einmal bitte komplett metaphorisch zu sehende Geschichte erzähle:

Ich habe echt eine Meinung über Vögel – zu klein, zu flatterig, zu aufgeregt, zu nervig, zu dreckig – man könnte auch einfach sagen, ich mag sie nicht besonders. Wenn dann aber auf dem morgendlichen Spaziergang ein Schwalbenjunges (Vogelfamilienzugehörigkeit nur grob geschätzt) flügelschlagend auf der im weiteren Tagesverlauf eher stark befahrenen Teerstraße sitzt, kann ich mich doch auf meine Mutterinstinkte verlassen. Wahrscheinlich könnte man es auch Mitleid nennen, gepaart mit einer guten Portion „Nun stell Dich mal nicht so an! Ich hab doch genau gesehen, dass Du eigentlich schon fliegen kannst. Nur weil Deine Mama und Geschwister schneller waren und Dich vergessen haben, brauchst Du Dich nicht gleich zum Opfer machen.“ (schön, dass ich mich bzgl. Tieren wenigstens nicht für meine eigenen Gedanken vor mir selbst rechtfertigen muss)

Also, was tun mit dem hässlichen kleinen Schwälblein? Zum Glück fällt wenigstens dem ersten Impuls zu folgen weg, das Ding einfach zu packen und auf den nächstbesten Grasabschnitt wieder auszusetzen. Denn ins bereits zerrupfte und von Fliegen und was-möcht-ich-gar-nicht-erst-wissen bestimt auch noch anderem niederen Getier durchsetzte Gefieder zu greifen, kann ich mich gerade noch zurückhalten. So viel Mitleid dann doch nicht und soll man Vogeljunge doch eh lieber nicht anfassen wegen irgendwas mit Familienzugehörigkeitswiedererkennungserhaltung oder so? Außerdem kann so ein bisschen „got yourself into this, get yourself out of it“-Attitude sicher auch nicht schaden. Was mich nicht umbringt, bringt Dich vielleicht weiter, und sowieso sind nicht die Sümpfe am heroischsten überlebt, aus denen Du Dich an den eigenen Haaren … ach so, Vögel haben ja keine Haare, egal.

Komisch aber auch, dass meine Versuche, das flügelschlagende Piepsding mit dem beturnschuhten Fuß in eine von mir festgelegte Richtung zu schubsen, nicht gerade auf Beifallsstürme angesichts dieses stümperhaft menschlichen Rettungsversuchs stoßen. Es mit meinem eigenen Schatten zu bedrohen und an den Straßenrand zu drängen, funktioniert schon eher – für fünf Sekunden, dann ist wieder zielloses Gehopse angesagt.

Als ich endlich kurz davor bin, die Geduld zu verlieren und aufzugeben, kommt glücklicherweise das erste Fahrzeug um die Ecke und das kann ich dann doch nicht bringen. Ich stelle mich also einfach nur auf die Straße neben den krauchenden Flatterling und erspare ihm immerhin den sofortigen Tod. Denn auch wenn er die Gunst dieser Stunde, meine kurzzeitige Abgelenktheit, einen attraktiven Luftzug oder was auch immer in der Vogelwelt überlebensmotivierend wirkt für sich nutzt, flügelschlagend hopsend den Kamikazemarsch über die Straße wagt, die nächste Hofeinfahrt als Aufstiegsrampe nimmt und tatsächlich davonfliegt – ich werd’s wohl nie erfahren, ob die zermatscht über dieselbe Straße verteilten Vogelteile, die ich tags darauf dort liegen sehe, irgendwas mit der Geschichte zu tun haben.

… und wenn ja, was?

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