Tischsitten

Am Küchentisch meiner Eltern sitzen. Man sagt jetzt auch Bonusfamilie, denn eigentlich ist meine Stiefmutter natürlich nicht mein „Elter“; durfte sie eh nie sein. Immerhin ist sie nicht mehr märchenhaft in meinem Bewusstsein. Aber war halt schon immer ihr Haus, also durfte ich mich auch nie als Tochter fühlen; geschweige denn zu Hause.

Und dann hab ich mich noch ernsthaft gefragt, warum nie funktioniert hat, was doch eigentlich so logisch gewesen wäre: Wenn ich mich allein gefühlt habe, mich an ebendiesen Familientisch setzen zu wollen … wobei es natürlich nicht um den Tisch („als Person“ wollte ich gerade schon schreiben) an sich ging, der hat auch nur seinen Job gemacht und penetrant versucht, sowas wie das Potential für Gemeinschaft zu symbolisieren. Dafür hatte man ihn schließlich extra in einem Großereignis für die damals gerade neu zusammengewürfelte Großfamilie anfertigen lassen. Platz für plötzlich sieben Leute … oder: 2 x 2 Meter Großkampfarena meiner heimlichen statt heimatlichen Einsamkeit.

Die Symbolik ging jedenfalls erfolgreich nach hinten los: Mit 13 daran eine Essstörung zu entwickeln, ist auch eine Art, dem Leben und „den Umständen“ und „der Welt“ und leider auch der Familie – zu der ich doch eigentlich nicht wollend so dringend dazugehören wollte – vor die Füße zu kotzen. Im wahrsten Sinne des Wortes.

Trotzdem (oder deswegen?) kann ich ja jetzt und hier und heute damit aufhören. Da hätte ich mich zwar die letzten Wochen umsonst in der präventiven Überforderung und der antizipierten Anstrengung bezüglich meiner veralteten Erwartungen an mich in diesem Haus gesuhlt … zum Glück scheinen bei all der Weiterentwicklungsarbeit hier auch die Module für sich selbst erfüllende Prophezeihungen ausgefallen zu sein.
Denn heute sitze ich hier an diesem Tisch und bin ruhig und sicher.
Heute höre ich Schritte auf der Treppe von oben und ich gerate nicht in angespannte Habacht-Stellung in Erwartung auf unrealistische Erwartungen, die ich mir einbilde, dass jemand anderer sie von mir haben wird.
Heute überlasse ich das Kämpfen der Katze unter dem Tisch. Die hat schließlich gravierendere Probleme mit einem widerspenstigen Fellknäuel … und hat nach 7,5 Sekunden die Lust daran verloren. Ist vielleicht gesünder so.

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